aus „Gitarrenzauber“

Ein Kleintransporter brachte uns bis Biesenthal. Der Fahrer war zwar etwas aufdringlich und in seinem Gequatsche kaum zu bremsen, aber eigentlich ein netter Typ. Wir winkten ihm freundlich hinterher. Ein gutes Omen, dass wir so schnell vorangekommen waren. Mehr als die halbe Strecke. Ich hatte insgeheim sogar gehofft, ganz bis nach Berlin, zumindest bis Bernau mitgenommen zu werden. Wir mussten ja die Sperre umgehen, an der Sonjas Kutschpartie gescheitert war. Und was war da Erfolg versprechender als ein großer Umweg über die B2? Unser Fehler vorher war wahrscheinlich gewesen, dass wir allzu direkt auf unser Ziel zugesteuert waren. Wir wären ja gleich nach Marzahn reingekommen … Logisch, dass sie das dicht machten. Aber sie konnten doch nicht ganz Berlin abriegeln, und wenn man erst einmal in der Stadt wäre, dann fände man auch einen Zugang zum Ätzerfeld. So ungefähr dachte ich mir das.

Natürlich war ich bereit, notfalls einen Rest bis Berlin zu laufen. Aber nicht von Biesenthal über Bernau nach Marzahn-Hellersdorf. Vor allem nicht mit Jule … Sie trottete seit mehreren Minuten wortlos hinter mir her. Was sie nur hatte? Hätte ja nicht mitkommen müssen. Wenn ich etwas anfange, dann richtig.

Ortsausgang. Weiter auf der Bundesstraße 2. Gänsemarsch. Gelegentlich drehte ich mich um, aber eher, um rechtzeitig ein Fahrzeug in Richtung Berlin zu entdecken, das uns mitnehmen könnte, als für ein Gespräch mit Jule. Noch dazu, wo sie sich echt Mühe gab, einem die Laune zu vermiesen. Sie verzog nur missmutig ihr Gesicht und beobachtete ihre Schuhspitzen. Kein Wort zwischen uns. Und das nun schon über einen Kilometer! Gelegentlich kam uns ein Schub Autos entgegen, meist sichtlich überladen. In Richtung Berlin hatte noch keiner gewollt. Ein Glück, dass ich mich nicht aufs Mitgenommen-Werden verlassen hatte. Schließlich hielt es Jule nicht mehr aus: „Also, hättest du nicht wenigstens diesmal deinen Aufzug etwas abgrellen können? Musst du immer auffallen? Mit Kleid!? Und wozu die blöde Gitarre? Mich lässt du lauter schweres Zeug schleppen. Anstatt den Proviant besser aufzuteilen. Und überhaupt: Denkst du wirklich, wir schaffen die ganze Strecke zu Fuß?“

Ich lief mit gleichbleibendem Tempo weiter vor ihr her. „Fertig? Ich frag mich ja, warum du überhaupt mitgekommen bist. Zum Meckern oder was? Außerdem: Wär ich dir im Kampfanzug lieber? Ich mir nicht.“ Dass ich gehofft hatte, mit Kleid eher mitgenommen zu wer-den, verschwieg ich lieber. Jule hatte sowieso immer Schiss. Männer waren Schweine und Kraftfahrer sowieso.

Jule rannte ein Stück, holte mich ein. Eine Weile lief sie neben mir her. Schwieg. Fing wieder an. „Woll’n wir nicht lieber umdrehn?“

„Kannste ja. Aber komm mir nachher nich angeflennt. So was wie das gibts nur einmal im Leben. Und jetzt verrat ichs dir: Ich weiß genau, was ich in Berlin will. Darüber konnte ich nur noch nicht reden. Nicht mal mit dir. Obwohl … Wir haben immer alles gemeinsam durchgestanden … Also gut Stell dir mal vor, jemand sagt dir, nur die, die im Angesicht des funkelnden Todestanzes singen und spielen, werden in die kosmische Dimension eingehen. Was würdest du denken?“

„Dass er spinnt. Wieso?“ Jule sah mich an, als bekäme ich gerade grüne Flecken im Gesicht. „Hört sich ganz schön bescheuert an.“

„Siehste! So ungefähr hatte ich mir das gedacht.“

„Und weiter? Was soll mir das sagen? Gerade jetzt?“

An einem Feld entlang führte ein Trampelpfad weg von der Straße. Ich sprintete einige Meter und warf mich neben den Stamm einer Pappel. Pause. Genüsslich biss ich in einen der Proviantäpfel. „Hast du schon mal von Kantha Inar gehört? Dem Meister?“

Jule setzte sich neben mich. Schüttelte den Kopf.

„Ich auch erst nich. Dann hab ich vor ner Weile seine Prophezeiungen in die Hände bekommen. Also lange bevor hier alles losging. Da hab ich ja gezweifelt wie du. Nur so aus blanker Neugier hab ich alles mal überflogen und wieder weggelegt. Und dann kommt das im Fernseh’n. Spritz dir das mal an die Wand: Der Kantha hat doch damals schon genau beschrieben, was die Menschheit verschlingen würde!“ Ich holte ein kleines, zerfleddertes Büchlein aus der Tasche und schlug es auf. „Hör dir das an: Es wird ein Brei sein. Und an seinen allseitigen Zungen werden Tropfen blinken, die lustig tanzen und jeden anspringen, der ihnen ungläubig begegnet. Nach ihnen wird nichts sein als getrocknete Kruste eines Erdkörpers, der endlich überdrüssig ist, weiter die faulen Früchte menschlichen Machtstrebens auf seiner Haut zu erdulden.“

„Okay, bisschen quer, aber treffend. Ich hätt’s anders ausgedrückt. Nur was hat das mit deiner Gitarre zu tun?“, fragte Jule.

„Wart’s nur ab! Es geht ja noch weiter: Die aber, die die Saiten der Ewigkeit im Angesicht des Endes ringsum zum Klingen bringen, wer-den ausgenommen sein von der Endlichkeit unwürdiger Körper. Sie werden erleben, was sich kleinen Geistern nie erschließen würde.“

Ich schleuderte den Apfelgriebsch weit aufs Feld, stand wieder auf und steckte das Büchlein zurück in den Rucksack. Jule hatte gerade noch den Titel lesen können. „Der Anfang im Ende“.

„Klingt echt irre, oder? Und nun stell dir vor, ich seh die ersten Clips von Berlin auf dem Bildschirm! Voll getroffen! Genau wie in dem Buch! War mir komisch! Als hätte Kantha Inar wirklich alles vorher gewusst und wollte mir was sagen! Von wegen, es sei nur wenigen vergönnt und ein jeder müsse den Weg allein für sich finden. Des-halb musste ich los. Dass es in Begleitung einer Lehrerin wie der Zarge nicht funktioniert hat, war der letzte Beweis.“ In dem Moment hob ich die geöffneten Hände zum Himmel wie die Prophetin, die gerade das Wort Gottes empfängt.

Jule fing an zu lachen. „Daher also die Gitarre! Die Saiten der Ewigkeit … Mann, bist du durchgeknallt! Und dein Fummel? Nimmt man bei so was nicht wallende weiße Gewänder … und eine Harfe wie in Griechenland?“

Ich sah sie vorwurfsvoll an und schüttelte den Kopf. „Dafür hab ich dich nun eingeweiht? Veräppeln kann ich mich allein. Mensch, wach auf! In ein paar Tagen ist alles hier öde Breiwüste. Niemand wird mehr herausfinden, wo du verschwunden bist.“

„Marie, ich …“ Was hätte Jule sagen sollen? Sollte sie darauf herum-reiten, dass sie mich mal wieder für verrückt hielt? Unter anderen Umständen hätte sie es bestimmt getan. Aber die Ätzer existierten, und sie gingen genau so vor, wie dieser komische Guru-Meister es beschrieben hatte. Jule zuckte also mit den Schultern, sah mich nicht an und lief weiter.

„Übrigens, Harfen waren später. Du meinst bestimmt eine Lyra.“ Ich konnts mir einfach nicht verkneifen. Den Ton der Zarge hatte ich gut drauf und ich wusste, dass sich Jule dann das Lachen nicht verkneifen konnte.

Zurück zur Straße. So viele Kilometer laufen, das war nun nicht das reine Vergnügen. „Komm lieber! Wir haben noch viel vor uns.“ Aber schon hundert Meter weiter fing Jule von vorn an: „Glaubst du denn wirklich, dass das ausgerechnet eine Prophezeiung für uns ist?“

Was hätte ich darauf antworten sollen? Wie ist das denn mit dem Glauben und dem Verstand, der dir etwas Anderes sagt? Ich antwortete so leise, dass es Jule kaum hören konnte: „Weiß ich, was ich glauben soll?“ Und dann lauter: „Aber wenn wir einfach abwarten, bis dieser Brei Eberswalde überschwemmt, erfahren wir es nie. Das könnt ich mir nicht verzeihen.“ Und nach einer Pause viel lauter: „Weißt du, dass die Welt am Ende ist, so oder so, das glaub ich schon. Genau deshalb werd ich ja nicht weglaufen. Und du kommst mit!“ Damit wandte ich mich wieder dem Weg zu. Das war auch nötig. Wir erkannten gerade noch rechtzeitig vor uns Soldaten am Straßenrand. Die waren schon auf uns aufmerksam geworden. Eine Personenkontrolle. Also auch hier. Als ob wir uns das Leben nicht allein schwer machen konnten. Glücklicherweise ging gerade rechts ein Trampelpfad von der Straße ab. Der wurde unserer. Schade! Diese Abzweigung bedeutete Wandertag bis zum Geht-nicht-mehr. Wahrscheinlich lauerten mehrere Kontrollen hintereinander. Also waren Hauptverkehrsstraßen tabu.

Abends, am Waldrand, klopfte ich Jule auf die Schultern: „Immer nur Ruhe und keine Action, das ist doch müde. Haben wir später noch genug. Wenn wir dann noch leben sollten. Jetzt muss es brummen.“ Dann packte ich die Gitarre. Sang irgendwas und ein wenig falsch. „Ja, guck nur!“, antwortete ich auf Jules irritierten Blick. „Ich muss schließlich üben.“

Wir waren nun nur noch etwa hundert Meter Luftlinie von der Kienbergspitze entfernt. Standen an einer Gabelung. Der linke Pfad führte bergauf. Wir nahmen den asphaltierten Wanderweg rechts um den Hügel herum. Von den fehlenden Menschen abgesehen sah alles genauso aus, wie es eben in einem stadtnahen Erholungsgebiet aussieht. Eben für ältere Leute zum Spazieren im Grünen gemacht.

Endlich der Blick ins Wuhletal. Richtiger auf das Feld, das vor Tagen noch das Wuhletal gewesen war. Das Erste, was mir auffiel, war die freie Sicht. Kein Hochhaus, kein Plattenbau, kein Baum oder Strauch. So weit wir sahen, nichts als eine glatte Fläche. Allein an ihren Rändern brodelte es. Ansonsten ödes, totes Graubraun. Die Wuhle verschwunden, die Froschteiche … Die waren noch ein paar Tage zuvor der Stolz der Hellersdorfer Naturschützer gewesen. Hatten sie jedenfalls im Netz erklärt. Alles zur Breiwüste eingeebnet. Neben dem Weg zog sich ein Graben hin. Umwuchert von dunkel-grünen Gräsern und Schilf bis hoch auf die etwa drei Meter breite Böschung. Wir starrten noch die fremde Landschaft vor uns an, entsetzt, verwundert, überrascht, wie auch immer, hatten noch nicht richtig begriffen, was gerade passierte, da überwand eine zähflüssige Masse das kleine Schleusentor am Teich. Ihr Weg in den Graben war frei. Schnell schob sich der Brei vorwärts. Die Ätzertropfen an seiner Spitze hüpften hin und her, als freuten sie sich über so viel frische Nahrung. Ich hatte den Asphaltweg verlassen, stand auf der Böschung, sah den Fluten zu. Jule war oben stehen geblieben.

„Fantastisch!“, flüsterte ich, mehr für mich selbst. Wie mich dieses Schauspiel bannte: Die Tropfen an den Rändern funkelten in verschiedenen Blautönen. Sie hüpften in alle Richtungen wie Wasser, das aus großer Höhe auf eine glatte Fläche fällt. Grashalme, die sie berührten, erstarrten nach kurzem Aufschäumen. Zuerst verschwand das Grün. Die Halme verwandelten sich in glitzernde Eisblumen. Kurz darauf schmolzen sie zu grauem Brei zusammen. Lautlos. Geruchlos. Als wäre das die natürlichste Sache der Welt. Kalt. Die Sonne wärmte mit voller Kraft. Wir merkten es nicht.

„Das wars dann also.“ Ich hockte mich hin. Vielleicht einen Meter von mir entfernt bahnten sich die hüpfenden Tropfen ihren Weg im Grabenbett. Ein richtiger Fluss blauer Lava. Mir war zum Baden zumute. Verrückt. „Bizarr! Einfach bizarr! Was meinst du, Jule, wollen wir so sterben?“

„Spinnst du, Marie? Hör endlich auf damit!“ Jules Stimme überschlug sich fast.

„Schon gut! Reg dich ab!“

Ganz hatte mir dieses Etwas den Verstand noch nicht abgeschaltet. Er warnte mich noch. Das war ja kein irrer Film. Das war real. Trotz-dem so was von harmlos. Wenn man nur guckte, beinahe niedlich. Unwirklich vor allem. Selbst Jule kam näher heran. Ich spürte sie hinter mir. Spürte, sie hatte irgendwie den Moment verpasst, an dem sie mich hätte festhalten können. Hörte sie keuchen.

Da besiegte mich ein Rausch. Ich konnte einfach nichts gegen den Sog ausrichten. Begann zu tanzen. Drehte mich im Kreis. Konnte kaum noch etwas sehen. Nur noch Jule, die mich entsetzt anbrüllte: „Bist du übergeschnappt? Vergiss deinen Meister …“ Da drehte ich mich einfach wieder von ihr weg.

Die ersten Tröpfchen waren auf einen halben Meter bis zu mir ran. Zu Jule vielleicht eineinhalb.

Was sang ich da überhaupt für einen Quatsch?

„Weißt du, ist das nicht schön?

Da ist der Tod. Wir könn ihn sehen, nicht verstehen.

Alles irdisch Jammertal war einmal.

Ende. Alle Not vorbei – Was mal war, ist einerlei.

Für die Bäume, Pflanzen, Tiere ist’s wie immer – gar nicht schlimmer.

Wissen nichts vom großen Brei, Tod macht frei.

Deshalb haben sie vom Glück auch das allergrößte Stück.“

Plötzlich rief ich mit veränderter, mir selbst fremder Stimme: „Jetzt alles mit Gitarre! Mal sehen, ob wir in kosmische Sphären aufsteigen.“

Jule kreischte: „Marie, komm! Wir wollen gehen! Wir haben gesehen, was wir wollten. Wir können jetzt nach Hause. Wir …“

Aussichtslos. Auf meinen Lippen lag dieses Lied, das ich noch nie zuvor gehört hatte. Als ob eine fremde Kraft mir Reime in den Mund legte. Etwas trieb mich, Jule mein Gefühl zu erklären: „Ich bin nicht ich. Das ist unheimlich. Schrecklich und zugleich schön. Ich kann mich wie eine Fremde sehen. Ich greif in die Saiten, ich kenn das Lied nicht. Ein wunderschönes Lied, ein wunderschöner Tanz. Wären nur nicht die tödlichen Tropfen so nahe! Ich will mich ja wehren. Es fällt mir nur so schwer. Sind das die sphärischen Klänge?“

Inzwischen drehte ich mich wieder langsam im Tanz. Sah Jule vor mir, wieder nicht, wieder ja. Sah sie stehen – wie eingefroren in einen Albtraum. Sah, wie sie mich anstarrte. Hilflose Angst in den Augen. Nur noch Sekunden und die Ätzer hätten mich erreicht. Jule wollte etwas rufen. Oder mich schlagen, damit ich endlich zu mir käme. Ganz deutlich sah ich ihr das an. Sie war so bedauernswert unentschlossen … Oder?

Ich stoppte. Zitterte. Was war das? Was hatte Jule? Ihr Blick ging an mir vorbei, durch mich hindurch. Hatte die hypnotische Kraft des Fremden jetzt auch sie erfasst? Ja, das musste so sein, aber irgendwie …

Ich hörte auf zu spielen, zu tanzen. Rief Jule an, fast schon wieder ich selbst: „Was ist? Hey? Hallo? Siehst du Gespenster? Hey, ich bins! Ich leb noch! Is ja gut, ich hab mich nicht verändert. Komm, vergiss Kantha Inar!“

Im Zeitlupentempo streckte Jule ihren Arm aus. Sie deutete auf die Front der Ätzer. Ich drehte mich um, suchte, was sie so verwirrt hatte. Stutzte. Wollte nicht glauben … Fragte leise, fast furchtsam: “Du meinst …“, und Jule antwortete: „Na guck doch hin!“

Normalerweise antworte ich auf so was immer ‚Was meinst du, was ich die ganze Zeit mache?‘, aber diesmal stierte ich weiter ungläubig auf das Gras. Ich stand ja fast schon in der Mitte eines Halbkreises! Ohne Jule wäre mir das vielleicht nie aufgefallen. Um mich herum hatten die Ätzer-Tropfen zuerst die Gräser gefrostet wie an den an-deren Stellen. Dann aber musste sie etwas gestoppt haben. Die Tropfen waren selbst erstarrt. Mein Halbkreis war ein Stück Eisblumenwiese. Überall sonst überschwemmten die Ätzer mit ihrem Brei den Weg.

Jule flüsterte: „Spiel weiter! Bitte, spiel weiter!“

Ich schaute sie zweifelnd an. „Du meinst wirklich, ich …?“

„Was denn sonst?“

Hektisch versuchte ich, das Lied zu wiederholen.

Es war weg! Was sollte ich tun? Eine neue Melodie improvisieren? Es wollte einfach nicht gelingen. Mein Lied?! Alles weg! Ich rang der Gitarre nur ein Wimmern wie unter Schmerzen ab. Es musste doch so schnell gehen!

Endlich ein einfacher Rhythmus. Ich richtete die Gitarre wie eine Maschinenpistole auf die Tropfen. Hinter mir deutete Jule auf den erstarrten Wiesenabschnitt: „Da! … Guck doch! Und da! …“

Ich schlug in die Saiten wie besessen. Nein, nicht mehr unter der Wirkung irgendeiner fremden Kraft, sondern im Rausch der Freude über einen unerwarteten und unverständlichen Sieg. Es ging, es ging!

Wir merkten beide nicht, dass fünf Soldaten durch das Unterholz auf uns zustürmten. Überrascht, verwirrt, nichts begreifend standen wir plötzlich zwischen lauter uniformierten Männern. Wurden gepackt. An den Armen gezerrt, weg von dem Weg, weg von den Ätzern, raus aus der Gefahrenzone. Schrien, schlugen um uns. Nein, wir versuchten es nur. Die Griffe waren zu fest. Unsere Füße hoben vom Boden ab. „Seht doch hin! Es ist gelöst! Sie sind nicht gefährlich. Man muss nur spielen. Mit der Gitarre. Dann hören sie auf! Glitzern wie …“

Jule schimpfte. „Heh, hört ihr! Wir wollten nicht sterben. Wir haben dort niemand verloren! Wir haben nur …“ Wir verstummten fast gleichzeitig, sanken erschöpft zusammen, rührten uns nicht mehr. Die Beruhigungsspritzen wirkten. Die Gitarre blieb unbeachtet liegen.

Später, als ich einem Arzt im Krankenhaus Eberswalde von meinem Spiel mit der Gitarre erzählte, als ich erzählte, was ich selbst nicht verstand, dass also mein Spiel die Kraft der Ätzer für einen Moment überwunden hatte, war der Weg am Kienberg längst vom Sikrobatbrei überschwemmt. Und mit ihm die Gitarre.

Der Arzt lächelte mitleidig. „Soso, also eine Gitarre …“

Ich wollte ihn gerade anbrüllen, „Natürlich eine …“, da traf mich dieser Blick. Ich ließ mich ins Kissen zurückfallen. Sagte kein Wort mehr.

Jule und ich einigten uns, die Sache mit dem Gitarrenspiel nicht wieder zu erwähnen. Sonst hätten sie uns vielleicht dabehalten. Uns fehlte doch nichts. So wurden wir schon am nächsten Tag entlassen. Das Krankenhaus war überfüllt.

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