aus „Die Oase in der Kalahari“

Kapitelende Petra: (… Und die Kristalle, die sie schon besaß? Auf jeden wirkten sie offenbar nicht, sonst hätte zum Beispiel Marcus etwas gesagt. Aber, warum auch immer, auf diese ausgeflippten Schülerinnen hatten sie gewirkt, zumindest der, der in Berlin die Katastrophe ausgelöst hatte. Warum sonst sollten die beiden, von denen Sonja erzählt hatte, auf die Idee mit der Gitarre gekommen sein …? Vielleicht eigneten die sich als so etwas wie Minensuchhunde für die nächste Forschungsetappe? Wer konnte denn sagen, welche Kräfte diesen Kristallen noch entstiegen …?)
Die Oase in der Kalahari
Die letzten Häuser Windhuks und eine stundenlange Fahrt lagen hinter uns. Inzwischen hatte der Jeep die nach Botswana führende B6 verlassen. Auf einem Mittelding zwischen moderner Straße und Wüstenweg, extra für das Projekt der Herbst-Gesellschaft neu angelegt, rasten wir direkt in die Wüste hinein. Die Lust zum Quatschen war weg. Jule hockte schweigend neben mir. Ob sie meine Zweifel ahnte? Wohl kaum. Sie war einfach nur glücklich über ein völlig unerwartetes Abenteuer.
Und ich? Oh Mann … Schon als Kind hatte ich ja eine große Forscherin werden wollen, Biographien solcher Frauen verschlungen wie Schokopudding. Eigentlich war ich danach auch stinkig: So viel hatte die Menschheit von den Geheimnissen der Welt schon gelüftet! Bliebe da überhaupt noch etwas für mich übrig?
Das letzte Idol war dann Petra Herbst, die Frau des Jahrhunderts. Ich sammelte alle Artikel über sie. Geheimnisumwitterte Erfolge, große Unternehmerin, einfach stark. Mehrmals begann ich einen Brief an sie. „… Lachen Sie nicht: Ich habe ja selbst versucht, den schrecklichen Sikroben entgegenzutreten. Wie gern möchte ich richtig wissenschaftlich arbeiten, mich so wie Sie mit zielgerichteter Forschung dem Geheimnis dieses Unheimlichen annähern. Jeder Tag muss bei Ihnen einfach etwas Spannendes sein. So möchte ich auch leben. Aber ich bin nun mal erst in der zehnten Klasse. Jahrelang werde ich mich noch mit viel unnützem Zeug herumplagen, und vielleicht sind die letzten Entdeckungen schon gemacht, wenn ich endlich meine Papiere habe, um dabei mitzuwirken. Aber …“ Weiter war ich nicht gekommen. Worauf hätte ich mich berufen sollen, um eine solche Berühmtheit davon zu überzeugen, dass sie ausgerechnet irgendeiner Eberswalder Schülerin eine Chance geben sollte? Mir? Also landeten meine Briefe im virtuellen Papierkorb.
Dann Leipzig. Ich las alles darüber, doch seltsam: Kein Artikel bot eine Erklärung an, was eigentlich passiert war. Ein Unfall. Was mochte das für eine Nebenwirkung sein, die alle Insekten anzog und sie dann als verwirrte Bestien sich selbst überließ? Es gab also auch jetzt noch gefährliche Forschungen.
Ich quatschte die Zarge an. Die sah mich mit einem schrecklich verständnisvollen Muttergesicht an. „Aber Marie, was hast du zu bieten? Meinst du, die warten auf dich?“
Ich saß bei ihr auf so einer Sitzcouch, die bestimmt mal der letzte Schrei gewesen war, sah sie eindringlich an, also die Zarge, und bemerkte trotzdem, dass eine Wandfläche ihres Wohnzimmers mit Kunstpostern beklebt war. Also nicht mit Bildern in Rahmen. „Frau Zarge, sehen Sie, später gibt es bestimmt wieder einen neuen Grund, warum alles nicht so wird, wie ich möchte. Sie wissen doch, wie gern ich bei den Zischies mitgemacht habe.“
Die Zarge hatte gelächelt. „Stimmt. Ohne dich hätte unsere Arbeitsgruppe nicht überlebt. Hm. Ich mache dir einen Vorschlag: Ich schreibe eine Bewerbung für dich. Also eine Art Gutachten, ein Empfehlungsschreiben, verstehst du? Ich bin nämlich mal mit der Petra in eine Klasse gegangen. Da zählt mein Wort vielleicht. Wenn‘s klappt, bekommst du da eine Ausbildung, wenn nicht, dann machst du hier deine Hochschulreife.“
Am liebsten hätte ich sie umarmt. „Klasse! Und kann Jule mitkommen?“ „Hast du sie denn gefragt?“ „Das mach ich gleich!“
Ich hatte mich auf eine Ablehnung vorbereitet. Ich wusste ja, die meisten Bewerbungen wurden abgelehnt. Und was passierte mir? Ich wurde zu einem Gespräch bei Petra Herbst persönlich eingeladen. Und die fragte mich, eine Schülerin ihrer ehemaligen Klassenkameradin, ob ich bereit sei, im neuen Außenlabor in Afrika mitzuarbeiten! Was für eine Frage! Auf jeden Fall besser, als müde in Eberswalde zu versauern! Und dann sagte sie noch, Julia dürfe auch dabei sein, „weil ihr euch beide so glänzend ergänzt …“ Na endlich sah das einmal jemand ein. Das war mein erster Gedanke. Bloß dann …
Dann musste ich natürlich alles haarklein der Zarge erzählen. Die stutzte auch. Dann sagte sie zwar, dass sie sich mit mir freue, aber mit so einem Unterton, dass ich gleich merkte, irgendwas war da nicht koscher. „Die große Chefin selbst. Was die alles weiß …“ Das stank nach Zweifel, reichte zum Ärgern, und die Zarge wollte nichts erklären. Sagte nur „Schon gut!“, aber eben in der Art, wie wenn sie verschweigen wollte, dass eben nichts gut war.
Ich hielt mein Gesicht in den Fahrtwind. Das sollte das Misstrauen vertreiben. Von wegen „Ich freu mich mit dir … Wirklich!“ War ja tatsächlich komisch. Gleich zur Chefin einer solchen Superfirma. Und dann dieser Satz über Jule und mich … Den Rest konnte sie ja von der Zarge haben, aber … So interessant waren wir beide doch wirklich nicht!
Jule sah noch richtig blass aus. Eben wie gerade erst in Afrika eingetroffen. Gefreut hatte sie sich sofort über den Vorschlag. Für drei Jahre auf die andere Seite der Erde, wenn das nichts war …
Eintönige Landschaft. Nicht einer dieser Kameldornbäume aus dem Kalahari-Buch war nun in der Wirklichkeit zu sehen. Wie ein gebeugter Riese hatte da ein einzelner den Fotografen angezwinkert. Das wäre der passende Empfang gewesen. Stattdessen verschwamm das Savannengras vor meinen Augen mit dem allgegenwärtigen Rot der Wüste. Ich stellte mir monströse rotbraune Dünen vor, von einem betäubend heißen Hauch getroffen. Kein Tier war zu sehen, nicht einmal ein Erdmännchen. Hatte sich was mit aufregender Safari in die Wildnis.
„… Wer bei uns nichts zu arbeiten hat, der muss auch nicht wissen, wo genau die Station ist. Wir wollen wenig Aufsehen …“ Unser Fahrer, Jori, war einer der vielen Doktoranden und für unsere Betreuung und Ausbildung zuständig. Er redete die meiste Zeit, erzählte und erzählte. Bald verlor ich den Faden. Diese Mischung aus Skepsis, einem Geheimnis, dem wir wahrscheinlich entgegen fuhren, der fremden, aber eintönig müden Landschaft und dem Singsang des Fahrers versetzten mich in Halbschlaf. Irgendwie fehlte nur noch eine Fata Morgana. Oder wenigstens eine Löwenfamilie.
„… Vor ein paar Wochen hättet ihr den Weg zu unserem Ziel leicht von selbst gefunden. Ihr hättet bloß den Milliarden von Insekten zu folgen brauchen, die sich zu uns auf den Weg gemacht hatten. Fliegen, Schmetterlinge, Ameisen, einfach alles. Kilometerweit hatten sich Vögel und andere Tiere dazugesellt. Die hatten wohl noch nie so viel Futter auf einmal. Ihr hättet sie damals von weitem über dem Gelände schwirren sehen können. Wir standen kurz vor der Katastrophe. Aber von einem Tag zum anderen hörte alles auf. Inzwischen sind auch die Vögel wieder weg. Es stinkt noch ein bisschen nach Kot. Das ist alles. Es ist noch mehr zur Wüste geworden. Aber was sollen wir machen?“ …

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